Der Notenbrecher

Es ward leise auf der Welt. Ein neues Phänomen trat vollkommen unerwartet zutage: Die Musik verstummte. Überall verstummten die Gesänge und Lieder der Menschen. Instrumente blieben stumm. Selbst elektronische Datenträger gaben keine Klänge mehr von sich. Platenspieler wurden arbeitslos, CD Scheiben funktionierten nicht mehr, Taktstöcke blieben wirkungslos und selbst die Kirchenorgeln spielten nicht mehr. Von Lima bis Tokio, von Paris bis Moskau, von Kapstadt bis Manhattan, von Mistelbach bis Obergurgel, überall herrschte beängstigende Stille. Das Boston Symphonieorchester verstummte plötzlich mitten in einer Aufführung von Beethovens neunter. Bob Dylan verschlug es die Sprache als er gebeten wurde Blowing in the Wind im geriatrischen Kindergarten von New Orleans zum Besten zu geben. Jose Carreras trällerte gerade eine Mozart Arie, als es ihm die Luft wegblieb und seine Zuhörer schon dachten er hätte seinen letzten Atemzug getan. Irische Barden verzweifelten, die Harfen gaben keinen Laut mehr von sich.  Gamelanorchester verstummten, Gospelchöre versagten, Liedermacher brachten keinen Ton mehr heraus. Der geheimnisvolle Felsen der kosmischen Harmonien, irgendwo im verwunschenen Bergland des Marchfeldes, blieb ohne Echo. Selbst Big Ben gab den Geist auf. Überall Stille, nur der Wirbel den die Maschinen verursachten, wahr mehr zu vernehmen, und der Gesang der Vögel in Schönbrunn. Zen Mönche wurden schweigend angetroffen als sie versuchten Koans zu singen, das Klatschen mit einer Hand wurde endgültig zur Farce. Die Trommeln der Lakota Indianer in Pine Ridge verstummten beim Sonnentanz, als sie gerade Wakan Tanka Unsimalayo intonierten, die Fidelen Zillertaler fielen fast ins Koma als ihnen „Die Almresi hat an rosa Oarsch“ im Halse steckenblieb.

Alle Musik verschwand aus dieser Welt, Nashville Tennessee schwieg ebenso wie die BBC, Ö 3 und der Tiroler Heimatfunk. Musik schien von unbekannten Mächten eliminiert worden zu sein, ausradiert, anihilated. Notenblätter fand man ausradiert, die Noten lagen zerbrochen überall in großen Müllhaufen herum und die MA 48 versank im Schweiße der Überstunden.

In seinem tempelartigen Zimmer schlief der Notenbrecher den Schlaf des gerechten, und im Traum sah er auf die Erde und betrachtete sein Werk. Und er sah daß es gut war und schlief weiter.

Die Musiker verfielen in Wahnsinn, Anna Netrebko fiel in tiefe Depression, Placido Domingo wurde am Felsen von Gibraltar angetroffen als er versuchte mit einem Samureischwert rituellen Selbstmord zu begehen. Welser Möst rannte splitternackt durch die Wiener Innenstadt, nur mit einem Taktstock bewaffnet, und versuchte die Passanten zu zwingen, den Radetzkymarsch einzuklatschen.  Bergretter fanden Hansi Hinterseer der versuchte sein Skier zu verspeisen und DJ Ötzi schrie vom Konstantinhügel hinab, einem imaginären Publikum zu: Ich bin der Anton aus Tirol, krutzitürken ich bin doch der Anton aus Tirol. Sein heiseres Geschrei verstummte jäh in einem Weinkrampf, als starkgebaute, weißgekleidete Herren ihm dieses unsagbar kleidsame Gewand anlegten, welches man im Volksmund auch als Zwangsjacke bezeichnet, und er verschwand, höchste Zeit möchte man sagen, endlich im Irrenhaus.  Mick Jagger vergrub sich bis zum Scheitel im Sand in Malibu Beach und Keith Richard wurde angetroffen als er sternagelfett seine Gitarre einem aufgebrachten Fan auf den Kopf schlug weil dieser zum fünfzehnten mal von ihm verlangte er sollte Honky Tonk Women halt auf dem Kamm spielen. Die Kastelruther Spatzen wurden fast verprügelt als sie mitten im Hosentürljodler von der Sulmingalm, verstummten und nur mehr ein rauhes Krächzen zustande brachten. In Indien wurde eine rituelle Sitarverbrennung zu Ehren der Göttin Saraswati organisiert um sie um Hilfe anzuflehen, Sadhus und Brahmanen ertränkten sich vor Hingabe fast im Ganges und lösten in Kalkutta fast einen Tsunami aus. Die Wiener Sängerknaben, gerade auf Tournee in Mallorca, brachen vor Entsetzen fast zusammen als selbst der Ballermann stumm blieb. So ging das Entsetzen rund um die Welt, von Nord nach Süd, von Ost nach West, und von Meidling bis Brunn am Gebirge.

Die Wissenschaftler dieser Welt hatten Hochbetrieb, sie alle steckten ihre Nasen tief in alte verstaubte Folianten und in die geheimnisvollsten Tiefen von Google, doch niemand fand eine Antwort. Ein aufgebrachter Mob stürmte den Teilchenbeschleuniger in der Schweiz weil sie die Wissenschaftler für die Entstehung eines Schwarzen Loches verantwortlich machten das alle Musik in sich einsog. Stephen Hawking erging sich in Floskeln wie Wurmlöcher in der Pubertät, Professor Zeilinger verkündigte den Quantenkollaps und manch ein aberwitziger Physiker brachte geologische Magnetphänomene in der unteren Stratosphäre ins Spiel, verursacht durch entflohene Wetterballone.  Selbst Reinhold Mesner erklärte aufgebracht das eine Verschwörung von Yetis schuld wäre, gerade er wäre über diese Tatsache besonders verärgert da er gerade dem verhunzten Konzert der Kastelruther Spatzen beigewohnt hätte. Esoteriker aller Couleur machten die globale Erwärmung als Schuldigen aus, der Papst verkündete das Erscheinen des Antichrists in Gestalt eines erfolglosen Musikkritikers, und überall verkündeten die Pfaffen das jüngste Gericht. Die Zeugen Jehovas in ihren Königsreichsälen dankten dem Herrn der endlich ein Zeichen gesetzt hätte, und Scientology rief zur zwangsweisen Dianetik Verpflichtung auf. Ufologen brachten natürlich die Außerirdischen ins Spiel und Erich von Däniken wurde an der Züricher Urania-Sternwarte zum Gegenpapst ausgerufen. Startreck Huldige brachten die Klingonen ins Spiel und mancherorts wurde auch hinter vorgehaltener Hand Darth Vadder beschuldigt. Literarisch gebildete hielten es für eine Wiederkehr Voldemorts  in der Gestalt Mirelle Mathieus, und in den Gassen und Hinterhöfen dieser Welt, ja sogar in der Bronx, rief man Gandalf um Hilfe. Selbsternannte Wanderapostel fielen in ekstatische Trance und verkündeten das Erscheinen der neuen Hyperboräer, und Neonazis feierten den Anbruch des Vierten Reichs mit der Wiederkunft Adolf Hitlers als kosmischer Weltenherrscher, der nach der Ermordung Perry Rhodans nun selbst zum Befreier der Galaxis vom jüdischen Imperialismus geworden ist. Der Dalei Lama schob das Verschwinden der Musik den Chinesen in die Schuhe und H.C. Strache hielt es für angebracht, angesichts der verunsicherten Massen der Regierung das Mißtrauen auszusprechen. Die Grünen solidarisierten sich ausnahmsweise mit der FPÖ  und beschuldigten die ÖVP, durch die Maßnahmen der ehemaligen Regierung Schüssels und besonders  des damaligen Finanzministers, für ihn gilt natürlich die Unschuldsvermutung, für die musikalische Abstinenz verantwortlich zu sein, und Peter Pilz selbst, legte eine Statistik vor, aus der herausgeht, daß beim Ankauf der Abfangjäger, auf den Einbau von Ohrenschützern vergessen wurde.

Der Notenbrecher aber meditierte zufrieden über sein Werk in seiner Kammer und freute sich über alle Maßen über den Erfolg seiner Arbeit.

Als nun die stumm gewordene Welt so dahindarbte, es wurden ja ganze Industriezweige plötzlich überflüssig, selbst Barbara Rett mußte stempeln gehen, lag es an den Geheimdiensten die Ursache für das Problem zu finden. Immer mehr Spione durchkämmtem Wälder und Fluren, in wattierte Trenchcoats gehüllt, und bespitzelten die Landbevölkerung und die Städter gleichermaßen. In Chicago legten FBI Mitarbeiter den Verkehr lahm um nach umgekehrten Grammophonen zu suchen, das LAPD durchkämmte das mexikanische und kubanische Getto auf der Suche nach illegalen Immigranten die aus Rache an der Weigerung der USA  Fidel Castro eine Green Card auszustellen mittels Voodoo die Musik verschwinden ließen. In Moskau verabschiedete Vladimir Putin das sogenannte Kalinkagesetz, und Netanjahu machte es ihm nach, in dem er das sogenannte Hawa Nagila Hawa  Gesetz ratifizierte, in denen jeder der fähig war besagte Lieder zu singen, großzügig belohnte werden würde. Reinhard Fendrich wurde  aufgefordert I am from Austria in die Gebärdensprache zu übersetzen, und Wolfgang Ambros ging so weit das er den Watzmann als Marionettentheater inszenierte in dem er die fehlende Musik durch das drehen von tibetischen Gebetsmühlen ersetzte. Die Wiener Philharmoniker traten allesamt den Anonymen Alkoholikern bei und bezichtigten sich in altbewährter Flagellantenmanier des Mea Culpa, Mea Maxima Culpa, dirigiert von einem altersschwachen Seiji Ozawa, den man extra aus einem Tokioer Seniorenheim ausgegraben hatte, um mit japanischer Gelassenheit und samureihafter Hingebung diesen rituellen Akt zu vollziehen.

Selbst die Toten beschwor man, und man sah den hochrot vor Wut bebenden Geist Marcel Prawys   am Dach der Wiener Staatsoper wie seinerzeit Rumpelstilz auszucken. Richard Wagners Geist, den man in Bayreuth anrief tobte vor Zorn als man ihn erklärte das man seine Opern nicht mehr aufführen konnte und er beschwor Wotan persönlich im neuheidnischen Gewande als Retter zu erscheinen damit man die arme Menschheit wieder zur Kasse beten konnte und für die germanische Rassenreinheit einzuschwören. Jimmy Hendrix drehte sich im Grabe um und der Geist Frank Zappas versuchte mit Hilfe Rudi Dolezals gemeinsam mit den Mothers of Invention eine „Wilde Jagd“ abzuhalten um den Geist Mozarts zu bitten endlich einzugreifen. Dieser hielt sich allerdings bedeckt und meinte nur lakonisch „Sallieri soll doch die Kastanien aus dem Feuer holen.“    Auch Vivaldi wurde die ewige Ruhe nicht gegönnt und man forderte ihn auf dem Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Lagebericht zu geben in dem hingewiesen werden sollte das Rock´n Roll die Ursache für das Ausbleiben des Wohlklangs war, da der Weltgeist es endlich satt hatte zum Dreimillionsten mal den greisen Jerry Lee Lewis great balls of Fire schmettern zu hören, worauf Richard Wagner beifall zollend applaudierte, bis er von Janis Joplin eine geistige Watschn verpaßt bekam. Lennon selbst appellierte an die Vernunft und George Harrison bat Krishna selbst um Hilfe, nicht ahnend, daß dieser zur Zeit auf Sommerfrische am Semmering weilte. Doch über all dem schwebte händeringend und zähneknirschend der Geist Herbert von Karajans und er stach seinen Taktstock tief hinein in die Ätherwelt  um wenigstens die himmlischen Chöre zum Singen zu bringen.

Auch andere Künstler ließ der Umstand nicht kalt, das nun die Musikerkollegen brotlos waren, und bekundeten mitfühlend ihre Solidarität. Überall auf der Welt kam es zu erschütterten Szenen der Hilflosigkeit. Elfriede Jelinek errichtete am Stephansblatt einen Scheiteerhaufen aus abgestorbenen Notenblättern und besprühte masturbierend diesen mit Weihwasser. Nitsch selbst drapierte Eingeweide auf Notenständer und spendete den Segen in dem er einen blutgetränkten Klingelbeutel schwenkte. Arnulf Rainer wurde aus der Geriatrie geholt und übermalte leere Notenblätter mit einem stilisierten Selbstporträt das ihn als Marilyn Monroe als Racheengel zeigte. Attersee bemalte den Donauturm mit einer aus abgetrennten Genitalien zu bestehen scheinenden Note CIS Moll und verkündete lauthals das Zeitalter des stummen Minnegesang. Roland Neuwirt wurde aus dem Suff gerissen und in einer Sänfte aus vermoderten Musikinstrumenten nach Grinzing getragen wo Ernst Fuchs, ebenfalls unvermutet aus der Geriatrie gerissen, in einem feierliche Akt versuchte eine Jungfrau mit den Noten von „Ihr Kinderlein Kommet“ zu bemalen, um den jungfräulichen Geist in einem Weihefest wiederum von Nitsch, den Göttern Richard Wagners zu opfern, um die Musik zurückzuholen. Wagner selbst fuhr donnernd heran  und wollte das Opfer wenigstens als Geisterführer zu den Walküren begleiten.    Aber auch aus dem Ausland traten immer mehr Künstler einer nie dagewesenen Solidaritätsbewegung bei und Literaturnobelpreisträger der Letzen Jahre pilgerten geschlossen nach Lourdes um die heilige Jungfrau um Hilfe zu bitten und Paulo Coelho ging den Jakobsweg für die Musik im Geiste mit, in dem er mantrenartig die Stationen des Pilgerweges öffentlich rezitierte und dabei als Selbstopfer Meßwein aus spanischen Trauben trank.

Doch auch diese Opfer blieb ohne Wirkung und bald war das Feuer erloschen und man begab sich zurück in die literarische Askese um der Musik einen poetischen Epitaph zu schenken und den Verlagshäusern zu gratulieren, denn seit niemand mehr Radio hörte lasen die Leute viel mehr.

So darbte also die Welt weiter Sang und Klanglos und selbst das  Pentagon wußte keine Antwort mehr.

Doch der Notenbrecher betrachte sein Werk in absoluter Glückseligkeit und als er sah, daß es gut war, verließ er seinen Körper und fuhr zum Himmel auf, um sich dort auf seine nächste Inkarnation als Wörterschlitzer vorzubereiten.

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